Antisemitismus als Alltag: Jüdische Gemeinden warnen vor neuer Normalität

Veröffentlicht am 1. Mai 2026 um 17:37

Deutschland: Jüdische Gemeinden berichten von anhaltender Bedrohungslage

Der Zentralrat der Juden in Deutschland sieht die Sicherheitslage für jüdische Gemeinden weiterhin auf einem besorgniserregenden Niveau. Laut dem aktuellen Lagebild, das im März 2026 erhoben wurde, sprechen 68 Prozent der befragten 102 Gemeinden von einer unsichereren Situation als vor dem Hamas‑Terrorangriff am 7. Oktober 2023. Trotz eines leichten Rückgangs gegenüber 2024 bleibt der Wert hoch.

Zentralratspräsident Josef Schuster bezeichnete die Situation als „neue Normalität“. Jüdische Einrichtungen müssten dauerhaft geschützt werden, während antisemitische Einstellungen zunehmend im öffentlichen Raum sichtbar seien. Selbst Aufrufe zu Gewalt – etwa in Berliner Graffitis – lösten kaum noch gesellschaftliche Empörung aus. Schuster sprach von „unhaltbaren Zuständen“.

 

Bild: Berlin - Zentralrat der Juden

 

Deutlicher Anstieg antisemitischer Vorfälle

Die Zahlen des Bundesverbands RIAS bestätigen die Entwicklung: Für das Jahr 2024 wurden 8627 antisemitische Vorfälle registriert – ein Anstieg um 77 Prozent gegenüber 2023. Davon entfielen 5857 Fälle auf israelbezogenen Antisemitismus.

Auch das Lagebild des Zentralrats zeigt eine hohe Belastung: 46 von 102 Gemeinden meldeten antisemitische Vorfälle innerhalb eines Jahres. Fast die Hälfte davon betraf Sachbeschädigungen oder Schmierereien an Gebäuden. Weitere Fälle umfassten Beleidigungen, Drohanrufe und Protestaktionen im Umfeld jüdischer Einrichtungen.

Internationale Konflikte beeinflussen Sicherheitsgefühl

Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas im Oktober 2025 führte laut Umfrage bei den meisten Gemeinden zu keiner Entspannung.

  • 61 Prozent sehen keine Veränderung,

  • 18 Prozent eine Verbesserung,

  • 13 Prozent eine Verschlechterung.

Deutlich stärker wirkte sich der seit Februar andauernde Krieg Israels und der USA gegen den Iran aus: 62 Prozent der Gemeinden berichten von einer verschlechterten Lage.

Weniger Unterstützung aus der Zivilgesellschaft

Während die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden weiterhin positiv bewertet wird – 90 Prozent äußerten Zufriedenheit –, nimmt die gesellschaftliche Unterstützung ab. Nur noch 35 Prozent der Gemeinden spüren Rückhalt aus der Zivilgesellschaft. Ende 2023 waren es noch 62 Prozent.

Zudem berichten 45 Prozent von einer Verschlechterung der Beziehungen zu Moscheegemeinden und anderen muslimischen Institutionen.

Jüdisches Leben bleibt aktiv – doch Identität wird versteckt

Trotz der Belastungen läuft das religiöse und soziale Gemeindeleben in 95 Prozent der Gemeinden weitgehend normal weiter. Im öffentlichen Raum jedoch ziehen sich viele Juden zurück.

Ein Umfrageteilnehmer erklärte, er trage seinen Davidstern „aus Sicherheitsgründen nicht mehr offen“. Ein anderer berichtete, dass selbst alltägliche Wege zur Synagoge heute mit Vorsicht verbunden seien. Der 7. Oktober habe „tiefe Spuren“ hinterlassen und antisemitische Haltungen seien „sichtbarer und lauter“ geworden.

Politische Reaktionen

Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Alexander Throm, forderte ein entschiedeneres Vorgehen gegen antisemitische Straftaten. Besonders muslimisch geprägter Antisemitismus müsse konsequenter geahndet werden. Wer das Existenzrecht Israels leugne, solle keine Möglichkeit zur Einbürgerung erhalten. Gleichzeitig betonte Throm, dass der Schutz jüdischer Einrichtungen weiterhin auf hohem Niveau bleiben müsse.

 

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Autor: Jörg Zägel
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